Geiz schon lange nicht mehr geil
Zyniker meinen, dass in diesen Tagen vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof mehr Ramba Zamba stattfindet als in der Mercedes-Benz-Arena. Recht haben sie. Denn fehlendes Engagement und Kampfgeist kann man den Stuttgart-21-Gegnern wahrlich nicht nachsagen. Ganz anders sieht es beim Wasen-Club aus: Mehr Glück als Können im Europa-Cup und Fußball zum Abgewöhnen in der Bundesliga. Keine Spur mehr von der forschen Rückrunde, mit der sich der VfB Stuttgart noch für die den internationalen Wettbewerb hat qualifizieren können. Und mittendrin in der Krise ein bedauernswerter Fredi Bobic, seines Zeichens Jung-Manager.
Wer den einstigen Nationalspieler kennt, der weiß: Er trägt auch heute noch sein Fußballherz am rechten Fleck. Als waschechter Cannstatter, der das Fußballspielen auf den Bolzplätzen des Hallschlags gelernt hat, versprüht er mehr Ehrgeiz und Lokalkolorit als sein gesamter Kader. Umso mehr muss ihn dessen Auftreten bis ins Mark treffen. Und es verwundert auch nicht, dass viele VfB-Fans ihren Fredi viel lieber im Trikot auf dem Spielfeld als im edlen Zwirn auf der Tribüne sehen würden. Denn null Punkte nach zwei Spielen bedeuten den schlechtesten Saisonstart des VfB in seiner Bundesligahistorie.
Insofern kommt Trainer Christian Gross die Länderspielpause gerade recht. Zeit zum Luftholen, die Mannschaft wieder Aufbauen und die letzten „Schlussverkauf-Schnäppchen“ integrieren. Bei allem Respekt vor einem ehemaligen Weltmeister - Camoranesi ist 33 Jahre alt und bei Juventus Turin ein Auslaufmodel. Kaum zu glauben, dass der Wahl-Italiener den VfB kurzfristig aus der Krise führt. Die Crux: Wer sich die Liste der übrigen „Verstärkungen“ anschaut, der kommt unweigerlich zum Schluss: Der beste Einkauf war Fredi Bobic - nur schießt der leider Gottes keine Tore mehr. An dieser Stelle muss wieder einmal kritisch gefragt werden: Was haben die VfB-Verantwortlichen in den vergangenen Monaten eigentlich getan, um das Team zu verstärken? Herr Staudt, Herr Hundt und Herr Ruf, wohin sind die ganzen Millionen verschwunden, die der Verein für Bewegungsspiele durch Verkäufe von Khedira (14 Millionen) und Rudy (4 Millionen) eingenommen hat? Nicht zu vergessen: Im vergangenen Jahr hat der VfB in der Champions-League 24 Millionen Euro verdient - so viel wie noch nie zuvor in seiner Vereinsgeschichte.
Zugegeben, der Profikader im vergangenen Jahr war nicht billig und durch den Stadionumbau fließen weniger Zuschauereinnahmen in die Kassen. Zudem muss das künftige Schmuckkästchen mitfinanziert werden. Doch all das rechfertigt nicht das blauäugige, fast schon dilletantische Auftreten auf dem Transfermarkt. Fehlende Cleverness und übertriebener Geiz haben den Kauf eines Klassemanns wie Petric verhindert. Doch auch das ist beim VfB Stuttgart nichts Neues. Denn die Liste der Topspieler, die in den vergangenen Jahren durch die Lappen gegangen sind, ist genauso lang wie die der Fehleinkäufe.
Der VfB Stuttgart soll das Geld sicher nicht zum Fenster rausschmeißen, aber auch Geiz ist schon lange nicht mehr geil. Heute wird wieder in Qualität investiert - ob im Privathaushalt oder in der freien Wirtschaft. Ein Umstand, der sich bis zu Erwin Staudt & Co noch nicht herumgesprochen hat. Oder wissen Sie, warum man ohne Achselzucken 3,5 Millionen Euro für Niedermeier hingeblättert hat?



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