Dieser Winter ist kein Problem für Landwirte
BAD CANNSTATT: Pflanzen sind von den Schneemassen und der Kälte nicht bedroht
(seb/uli) - Am 21. März ist Frühlingsanfang - doch vom Lenz ist nicht viel zu spüren - geschweige denn zu sehen. Der diesjährige Winter ist hart und vor allem hartnäckig. Bürger schippen fluchend um die Wette, dem städtischen Winterdienst geht das Salz aus, auf Baustellen geht‘s nicht voran und die Kosten wetterbedingter Unfälle und Straßenschäden gehen in die Millionen. Landwirte dagegen haben mit Schnee und Eis kein Problem.
Obst- und Gartenbau: Zu den wenigen Gewinnern des strengen Winters gehören Pflanzen und Bäume. „Die Kälte hat keinen negativen Einfluss. Die Pflanzen besitzen einen schützenden Knospenpanzer“, sagt Andreas Siegele, Obstbauberater der Stadt. Es sei aber gut, dass es nie über einen längeren Zeitraum abtaute. Leider auch für Schädlinge wie Blattläuse, denn deren Entwicklung laufe parallel. „Die Pflanzen haben ihre Winterruhe abgebaut und stehen in den Startlöchern“, so Siegele. So bald es warm wird, sei innerhalb von einer Woche alles Grün und „alles voller Pollen“. Keine gute Nachricht für Allergiker.
Wengerter: Obwohl die Arbeit in den Weinbergen schwierig ist, wollen die Wengerter nicht klagen - im Gegenteil: „In den Reben gibt es noch kein Saft und folglich auch keine Erfrierungen“, sagt Gerhard Schmid, Vorsitzender der Weingärtner Bad Cannstatt. Der viele Schnee sorge für eine gute Winterfeuchte. Der Nachteil: „In einigen Terrassenlagen, etwa im Zuckerle, sind Mauern eingebrochen.“
Eisverkäufer: Nazario Gamba, Inhaber der gleichnamigen Eisdiele, glaubt nicht mehr an die Klimaerwärmung. Nach drei Monaten in Italien kehrte er kurz nach Fasnet nach Bad Cannstatt zurück. „Wir haben auf gutes Wetter gehofft, aber dieses Jahr ist es arg schlimm. Nicht mal geschenkt, wollen die Bürger unser Eis“, sagt Gamba.
Baubranche: „Der lange Winter macht uns zu schaffen“, sagt Thorsten Orgonas, Geschäftsführer der Bauinnung Stuttgart-Ludwigsburg. Er kenne viele Baufirmen, die erst vor kurzem, als es wärmer war, den ersten Arbeitstag 2010 vermelden konnten. Die Bauarbeiter selber seien über das saisonale Kurzarbeiter- und Wintergeld relativ abgesichert - allerdings gebe es bei vielen Projekten doch Verzögerungen. Offenbar nicht beim Umbau der Mercedes-Benz-Arena: Auf der Homepage des VfB Stuttgart steht jedenfalls, dass trotz der kalten Temperaturen die „Fortschritte auch von außen immer sichtbarer werden“.
Verkehrsunfälle: 61 Mal krachte es gestern auf Stuttgarts Straßen wegen Schnee und Eis. Der Sachschaden: Weit über 100 000 Euro. Am vergangenen Wochenende registrierte die Polizei 70 Unfälle mit einem Schaden von rund 180 000 Euro. 100 000 Euro Schaden gab es bei 30 Unfällen am 12. Februar.
Flughafen: Leidtragender des harten Winters ist sicher auch der Flughafen - oder besser gesagt die Passagiere. „Was Flugannulierungen angeht, so sind wir zwar glimpflich davon gekommen“, sagt eine Flughafensprecherin. Allerdings habe es jede Menge Verzögerungen gegeben, da zum einen die Start- und Landebahnen gesperrt werden mussten und zudem jeder Flieger vor dem Start von Schnee und Eis hat befreit werden müssen. Eine Prozedur, die nun einmal dauert.
Wilhelma: Man mag es kaum glauben, vor zwei Jahren wurden am Wilhelma-Eingang im Januar und Februar fast 220 000 Besucher gezählt. Kein Wunder - gab es doch Ende Februar 2008 fast 20 Grad Celsius. Ganz anders 2010: Die wenigen schönen und etwas wärmeren Tage werden für keine vollen Kassen zum Jahresanfang sorgen.
Krankenhäuser: Statistiken, wie viele Patienten auf Eis und Schnee ausrutschen und sich Knochenbrüche zuziehen, führt das Klinikum Stuttgart nicht. „Doch sowohl im Katharinenhospital als auch im Krankenhaus Bad Cannstatt ist die zusätzliche Belastung zu spüren“, sagt Sprecherin Ulrike Fischer. Doch nicht nur Frakturen sorgen für Mehrarbeit, sondern auch Grippewellen. „Wir haben mehr Erkrankte, aber es ist nicht so, dass wir an unsere Kapazitätsgrenze gebracht werden.“
Briefträger: Die Postboten haben bei Glätte erschwerte Bedingungen: Gehwege sind oft nicht freigeräumt. Um nicht ins Rutschen zu kommen, sind die Briefträger mit Spikes zum Überziehen ausgestattet. „Blaue Flecken gehören im Winter dennoch dazu, Knochenbrüche sind aber so eher die Ausnahme“, sagt Postsprecher Hugo Gimber.
Bus, Bahn und S-Bahn: Profitieren von den mehrfachen Wintereinbrüchen wird sicher auch der ÖPNV. „Wir haben mehr Fahrgäste an den Schneefall-Tagen als sonst“, sagt Nadine Szymanski von der VVS-Pressestelle. Allerdings lasse sich das in Umsatzzahlen nicht messen. Es sei zu bedenken, dass viele kurzfristige ÖPNV-Nutzer bei Schnee und Eis ihr Haus erst gar nicht verlassen hätten. „Bei der Jahresbilanz 2010 können wir genaueres zu den Wintermonaten sagen.“
Tiefbauamt: „Normale Winterschäden verzehren zirka 800 000 Euro, dieses Jahr wird sicher mehr als eine Million Euro benötigt“, so Michael Ilk vom städtischen Tiefbauamt. Das Problem: Die Mittel für den Straßenbau wurden generell um 20 Prozent gekürzt. Die Folge: Das Tiefbauamt kann viele Krater nur provisorisch reparieren, viele Schäden werden den Autofahrer eine ganze Weile begleiten.
Winterdienst: 81 Einsatztage, fast 10 000 Tonnen Salz (2008/2009 6052 Tonnen an 70 Tagen) und fast 1200 Tonnen Splitt (2008/2009 rund 650 Tonnen), der städtische Streudienst bewältigt in diesem Winter buchstäblich eine Ochsentour, um Stuttgarts Straßen von Schnee und Eis zu befreien. „Die Kosten sind noch nicht abschätzbar, da wir bisher erst die Zahlen bis Februar haben“, sagt AWS-Sprecherin Annette Hasselwander. Doch allein beim Splitt werden sich die Kosten mit mehr als drei Millionen Euro mindestens verdoppeln.
Prognose: Nach T-Shirt-Wetter mit mehr als 20 Grad wie am 11. März 1990 sehnt man sich derzeit vergebens. Doch auch in den kommenden Tagen ist kaum Besserung in Sicht. „Es wird Mitte der Woche etwas wärmer“, sagt Peggy Hofheinz vom Deutschen Wetterdienst. Sonnen- und Trockenperioden seien aber nicht in Sicht. „Auch Kälte und Schnee ist noch nicht überwunden, schon zum nächsten Wochenende sieht es wieder schlechter aus.“



