Rausch der Farben
Michael Sch ønwandt dirigiert das Stuttgarter Staatsorchester
Stuttgart - Johannes Brahms‘ erstes Klavierkonzert war eine schwere Geburt und durchlief zudem mehrere Embryonalstadien: Erst war es eine heute verschollene Sonate für zwei Klaviere, dann formte der Komponist daraus Ansätze zu einer Sinfonie, schließlich erblickte das Solokonzert in d-Moll das Licht der musikalischen Welt - nicht ohne die Kämpfe und Krämpfe seiner Genese ganz abgelegt zu haben. Namentlich der kolossalische erste Satz ringt mit seiner Materialfülle, seinen gestischen Gegensätzen vom schwer barockisierenden Donnergrollen bis zum zarten Gespinst empfindsamer Melodik samt Hörnerschall-Idyll. Der Solist läuft in dieser Sinfonik mit obligatem Klavier Gefahr, zum einsamen Akkord-Arbeiter im Großbetrieb der Themenverarbeitung zu werden - zumal wenn er kurzfristig eingesprungen ist wie Kirill Gerstein für den erkrankten Oleg Maisenberg. Doch im Stuttgarter Beethovensaal war beim Konzert des Staatsorchesters in Michael Schønwandts Leitung nichts zu spüren von Lückenbüßertum. Gerstein, Klavierprofessor an der Stuttgarter Musikhochschule, hat den exorbitant schweren Solopart nicht nur im Griff, sondern im gestalterisch hochsensiblen Gespür. Seine eher verinnerlichende Interpretation bewies hohe Kunst der Übergänge, feinen Sinn der Phrasierung und bestens austariertes Zusammenspiel mit dem Orchester. Gerstein fügte sich in die Begleiterrolle, als die Hörner ihr Solo bliesen, gab aber - namentlich im Finale - mit federnder rhythmischer Verve auch die entscheidenden Impulse. Seine unsentimentale Kantabilität machte das Adagio, eine innige Preghiera, zum Höhepunkt an Intensität, und Schønwandt öffnete mit dem Staatsorchester Klangräume vom erlesenen Piano bis zum markigen Forte, von mildem Licht bis zu hoher Erregung. Der differenziert ausgelauschte Orchestersatz bekam sein gebührendes sinfonisches Eigengewicht, ohne die geschmeidige Interaktion mit dem Solisten zu schmälern.
Solche Kultiviertheit des Orchesterspiels steigerte Schønwandt in Arnold Schönbergs „Pelleas und Melisande“ zu einem wahren Rausch der Farben, der gleichwohl nie die Klangbalance verlor in der labyrinthischen Polyphonie, der exzessiven Dynamik dieser Spätestromantik. Sie, die Wagners „Tristan“-Harmonik und Brahms entwickelnde Variationstechnik gleichermaßen überbietet, erstickte hier nicht in 50-minütigem Hochdruck-Schmachten, sondern atmete in erregender Emotionalität jene Luft, die alsbald von anderen (Klang-) Planeten kommen sollte. Zu hören war ein fulminantes Endspiel der bis an ihre Grenzen gespannten Tonalität.



Artikel kommentieren